Einfach statt kompliziert: Warum gute Usability zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor für den Mittelstand wird
Von der Mikrowelle mit sieben Tasten bis zur Business-Software mit siebenhundert Funktionen – wie wir uns in der Flut versteckter Optionen verlieren und was produktorientierte Unternehmen dagegen tun können
Wenn Alltagstechnik an Intuition scheitert
Wer in einer Büroküche vor zwei nebeneinanderstehenden Mikrowellen steht, erlebt ein Lehrstück in Sachen Usability: Gerät 1 besitzt sieben winzige Tasten, kryptische Icons und einen versteckten „Start“-Knopf; Gerät 2 begnügt sich mit zwei Drehreglern – Leistung und Zeit. Die Wahl der Nutzerinnen und Nutzer fällt beinahe reflexhaft auf das zweite Modell. Der Technikjournalist Gregor Honsel hat dieses Beispiel (MIT Technology Review, 2025) beschrieben und den Trend als „Optionsverseuchung“ bezeichnet – eine treffende Beobachtung.
Was in der Küche nervt, kostet im Unternehmen Geld
Im privaten Umfeld sind verwirrende Interfaces lästig, im geschäftlichen Kontext schlagen sie direkt auf Effizienz, Fehlerrate und Supportaufwand durch. Eine überfrachtete ERP-Maske erhöht die Einarbeitungszeit, eine komplexe Maschinensteuerung führt zu Stillständen, ein überkomplexes Kundenportal verhindert Self-Service und bindet unnötig Ressourcen im Vertrieb. Je höher die Lohnkosten und je geringer die Toleranz für Prozessfehler, desto stärker wirkt sich schlechte Bedienbarkeit auf das Betriebsergebnis aus.
Drei Gründe, warum „Feature-Creep“ um sich greift
1. Marktdruck: Vertriebsabteilungen wünschen sich für jedes Kundensegment ein neues Optionshäckchen. Was im Pitch glänzt, beschwert später die Oberfläche.
2. Technologische Verlockung: Touchscreens, Voice-Assistenten und KI-Overlays sind verfügbar – also werden sie eingebaut, selbst wenn der Mehrwert fraglich bleibt.
3. Fehlende Priorisierung: Ohne klar definierten „Kern-Use-Case“ behandelt das Produktteam alle Funktionen als gleichwertig. Die Folge: Das Wichtige verschwindet im Menübaum.
Hinzu kommt eine kulturelle Komponente. Gabriel Yoran spricht in seinem Buch „Die Verkrempelung der Welt“ davon, dass sich der einst befreiende Gedanke der Digitalisierung in eine kollektive Sammelleidenschaft verwandelt hat: „Kann man machen“ übertrumpft „sollte man machen“. (https://krautreporter.de/sinn-und-konsum/5205-die-verkrempelung-der-welt)
Fünf Prinzipien für radikal nutzerzentrierte Interfaces
1. Kernaufgabe fokussieren
Der häufigste Anwendungsfall muss ohne Nachdenken erreichbar sein – im Zweifel per Ein-Knopf-Strategie. Bei einer Mikrowelle ist es „Essen aufwärmen“, bei der B2B-App vielleicht „Auftrag freigeben“.
2. Progressive Offenlegung
Expertenfunktionen dürfen existieren, werden aber erst sichtbar, wenn sie wirklich gebraucht werden. Ein gutes Beispiel sind moderne Kamera-Apps: Automatikmodus vorn, Profi-Regler hinter einem Swipe.
3. Klarheit vor Eleganz
Ästhetik darf Verständlichkeit niemals untergraben. Klare Beschriftungen, eindeutige Icons und ausreichender Kontrast sind kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung – vor allem in produktiven Umgebungen mit wechselnden Licht- und Stresssituationen.
4. Konsistente Metaphern
Jedes zusätzliche Interaktionsmuster (Swipe, Long-Press, Voice-Command) erhöht die kognitive Last. Wer sich auf wenige, wiedererkennbare Gesten beschränkt, verkürzt die Lernkurve dramatisch.
5. Respekt für Zeit und Aufmerksamkeit
Pop-ups, Tooltips und Chat-Bots, die ungefragt erscheinen, stören den Arbeitsfluss. Ein Interface, das versteht, wann es sich zurücknehmen muss, zahlt direkt auf Produktivität und Nutzerzufriedenheit ein.
Pragmatischer Usability-Prozess statt Elfenbeinturm
Gute Bedienbarkeit entsteht selten am Reißbrett, sondern Schritt für Schritt:
• Nutzerforschung am Anfang: Personas, Jobs-to-be-Done und Kontextinterviews liefern das Fundament.
• Iteratives Prototyping: Papier, Klick-Dummies oder Code-Mock-ups – Hauptsache, reale Nutzer testen frühzeitig.
• Messbare KPIs: Task-Completion-Rate, Time-to-Task und Fehlerrate sind objektive Größen, die Designentscheidungen steuern.
• Design System & Governance: Wiederverwendbare Komponenten sorgen für Konsistenz und beschleunigen zukünftige Releases.
Mut zur Lücke – Weglassen als Produktmerkmal
Das beste Interface ist bekanntlich jenes, das gar nicht auffällt. Legendär ist der Ein-Knopf-Controller der ersten iPod-Generationen, bei dem „Play/Pause“ gleichzeitig „On/Off“ war. Ähnlich radikal agieren viele Maschinenbauer, die nur noch das Nötigste an der Frontblende anzeigen und alles Weitere in ein passwortgeschütztes Service-Menü verlagern. Weglassen verlangt Mut – und lohnt sich: Die Service-Hotline klingelt weniger, die Anwender machen weniger Fehler und die Kundenzufriedenheit steigt.
Zukunftsperspektive: Adaptive Interfaces und KI
Künstliche Intelligenz kann die Schere zwischen Funktionsumfang und Übersichtlichkeit entschärfen. Adaptive UI-Patterns passen Menüs dynamisch an das Erfahrungsniveau des Nutzers an, während „Predictive Next Best Action“ Routineabläufe automatisch vorschlägt. Entscheidend ist, dass sich diese Unterstützung unaufdringlich in den Workflow integriert und jederzeit abschaltbar bleibt. Sonst tauschen wir die eine Art von Komplexität lediglich gegen eine andere.
Industrie-Beispiele, die zeigen, warum es sich lohnt
• Logistik: Ein mittelständischer Spediteur reduzierte die Anzahl der Eingabefelder in seiner Tourenplanung von 42 auf 11; die Planungszeit pro Tour sank um 37 Prozent.
• Produktion: Eine neu designte HMI-Oberfläche (Human Machine Interface) einer Abfüllanlage verkürzte die Wartungszeit pro Schicht von 18 auf 7 Minuten, weil Störmeldungen nach Dringlichkeit farblich gruppiert wurden.
• Professional Services: Ein Beratungsunternehmen integrierte eine „Focus-View“ in sein Projektcontrolling, die ausschließlich KPIs der laufenden Woche zeigt. Die Akzeptanzrate in den Teams stieg von 54 auf 92 Prozent.
Alle drei Projekte verbindet ein Prinzip: Erst wurde beobachtet, wie Menschen arbeiten, dann wurden Funktionen radikal priorisiert – nicht andersherum.
Warum der Mittelstand besonders profitiert
Mittelständische Unternehmen verfügen selten über unbegrenzte Budgets für Schulungen, dafür aber über hochspezialisierte Fachkräfte, deren Zeit kostbar ist. Jeder Prozentpunkt an eingesparter Klick- oder Suchzeit lässt sich direkt in höhere Wertschöpfung ummünzen. Hinzu kommt der Faktor Employer Branding: Fachkräfte erwarten heute Werkzeuge, die sich intuitiv bedienen lassen – privat wie beruflich. Ein Unternehmen, das moderne, schlanke Interfaces bietet, steigert seine Attraktivität als Arbeitgeber und Kunde gleichzeitig.

